In der einen Hand die Fernbedienung mit der anderen Hand drückte ich ein Kissen gegen meinen Bauch und dachte die ganze Zeit: Schalte es aus, es ist ja furchtbar.
Aber ich blieb dran. Wieder eine „wahre“ Dokumentation über vernachlässigte, gepeinigte Kinder und wann das Jugendamt einschreitet oder nicht. Was ist los mit unserer Gesellschaft? Ich staune immer wieder ratlos über die diversen Phänomene unserer Zeit bzgl. kleiner Kinder die in ihrer Entwicklung extrem zurück geblieben sind, weil niemand mit ihnen spricht und sie niemand in den Arm nimmt, oder mit ihnen spielt, oder ihnen irgendwas erklärt. Ich staune über dicke Kinder die noch nie eine normal gekochte Kartoffel gegessen haben, nur Kartoffeln in Form von Pommes, Kroketten, Chips etc. und ich staune über die wachsende Gewalt in den Familien.
Nein, ich fange jetzt nicht damit an, dass früher alles besser war. War es nicht und geschlagen wurde früher noch häufiger als heute. Vieles blieb damals im Dunklen und wir können nur spekulieren, wenn wir es nicht selber erlebt haben. Ich komme aus einer Arbeitergegend, kleiner Mittelstand, es reichte immer irgendwie, aber man konnte niemals reich werden. Vielleicht hätte meine Mutter mich auch häufiger vor dem Fernseher geparkt, wenn es mehr als drei Programme gegeben hätte, die nicht erst um 17 Uhr anfingen zu senden. Vielleicht hätte ich mehr Fastfood bekommen, wenn es mehr gegeben hätte als Eierravioli in Tomatensauce aus der Dose. Wer weiß? Aber meine Mutter hatte keine Wahl: Sie musste kochen und weil ihr das auch noch Spaß machte, zumindest meistens, gab es immer was Leckeres auf den Teller. Freitags gab es Fisch, samstags Eintopf, sonntags Braten und Kuchen und Weihnachten selbstgemachte Plätzchen. Meine Mama war keine Supermama, sie tat nur das was alle machten. Sie war zu Hause und kümmerte sich um die Familie, obwohl sie viel lieber arbeiten gegangen wäre. Sie hat geraucht wie ein Schlot und gerne was getrunken. Es war nicht immer leicht bei uns, aber es wurde viel gelacht und vor allen Dingen viel erzählt. Sonntags wurde im Bett geknuddelt, es gab keine häusliche Gewalt, es war sauber und ab meinem vierten Lebensjahr war ich, so oft ich durfte, mit meinen Freunden auf der Straße.
Vor einiger Zeit traf ich auf einem Geburtstag, nach mehr als dreißig Jahren, einen Mann, der mit mir in der gleichen Straße aufgewachsen war, ähnliches Elternhaus, gleiches Milieu. Wir brauchten einen Moment um uns einzuordnen und dann freuten wir uns riesig und erzählten uns alte Geschichten und zum Schluss sagte er: „Mensch, hatten wir nicht eine schöne, unbeschwerte Kindheit?“
Nun, vielleicht hat er es ein wenig verklärt mit den Jahren, aber an meine Zeit auf der Straße mit all den anderen Kindern habe ich auch nur die besten Erinnerungen.
Genug der Nostalgie. Was geht denn heute schief? Liegt es wirklich nur am Fernsehen, Computer und Fastfood, dass die Kinder aus Prekariat (Neudeutsch für Assis, Arme, Arbeitslose etc.) weniger Chancen in der Gesellschaft haben als vor vierzig Jahren? Dabei hat sich doch so viel verbessert. Wir haben die Schulpflicht (Zum Vergleich: Nur 2% der Weltbevölkerung kann eine Schule bis zum Abitur besuchen), für jedes Kind einen Kindergartenplatz ab dem dritten Lebensjahr, eine – im Vergleich zur Weltbevölkerung – spitzenmäßige Gesundheitsversorgung und kein Mädchen muss mehr ungewollt als Teenager schwanger werden, weil es heute Aufklärungsunterricht gibt, in jedem Supermarkt Kondome hängen und es im Gegensatz zu den siebziger Jahren kein Problem mehr ist an die Pille zu kommen. Aber all das scheint nur das Gegenteil zu bewirken. Immer mehr Mädchen werden im Teeniealter schwanger, viele Kinder können kaum sprechen wenn sie in die Schule kommen, an lesen und schreiben ist da nicht zu denken. Väter schleudern ihre Kinder an die Wand, weil sie sich bei „World of Warcraft „ gestört fühlen und Mütter rufen Händeringend nach der Super-Nanny.
Was können wir tun? Augen und Ohren offen halten. Nicht wegsehen. Und bestimmt gibt es die Möglichkeit ehrenamtlich zu helfen, wenn man die Zeit und die Kraft dafür übrig hat. Ich werde mich erkundigen.
Balba
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